Für die meisten Patienten reicht eine lokale Betäubung völlig aus. Doch es gibt Situationen, in denen der Gedanke an Geräusche, Gerüche und das Gefühl der Behandlung eine unüberwindbare Hürde darstellt. Sei es durch eine ausgeprägte Zahnarztphobie, einen extremen Würgereiz oder weil eine sehr umfangreiche Operation ansteht.
Hier ist die Vollnarkose (Intubationsnarkose) oft der „Reset-Knopf“: Sie schlafen ein, und wenn Sie aufwachen, ist alles vorbei. Doch was passiert dabei eigentlich im Körper? Und ist das sicher?
Mehr als nur „Tiefschlaf“: Das medizinische Prinzip
Im Gegensatz zum Dämmerschlaf (Sedierung), bei dem Sie noch atmen und reagieren können, schaltet die Vollnarkose Ihr Bewusstsein und das Schmerzempfinden komplett aus. Es ist ein kontrollierter Zustand, der von einem Facharzt für Anästhesiologie gesteuert wird. Während wir uns um Ihre Zähne kümmern, ist der Anästhesist ausschließlich für Ihre Sicherheit zuständig.
Der Medikamenten-Cocktail besteht meist aus drei Komponenten:
- Hypnotika: Lassen Sie tief schlafen (Bewusstseinsverlust).
- Analgetika: Schalten den Schmerz im gesamten Körper aus.
- Muskelrelaxanzien: Entspannen die Muskulatur, damit keine Abwehrreflexe auftreten.
Der Ablauf: Sicher durch die drei Phasen
Eine Vollnarkose folgt einem strengen Protokoll, das höchste Sicherheit garantiert.
Phase 1: Die Einleitung
Sie bekommen einen venösen Zugang (meist am Arm oder Handrücken). Das Narkosemittel wirkt sekundenschnell. Das oft beschriebene „Gleiten in den Schlaf“ wird von Patienten meist als sehr angenehm und erleichternd empfunden.
Phase 2: Die Erhaltung (Der Schutz der Atemwege)
Da Ihr Atemantrieb und die Schluckreflexe ausgeschaltet sind, müssen wir Ihre Lunge schützen. Gerade bei Arbeiten im Mund, wo Wasser und Blut fließen, ist das entscheidend. Der Anästhesist führt einen Beatmungsschlauch (Tubus) oder eine Kehlkopfmaske ein. Davon spüren Sie nichts, da Sie bereits fest schlafen. Über diesen Weg werden Sie beatmet und die Narkosetiefe wird millimetergenau gesteuert. Vitalwerte wie Herzschlag, Sauerstoffsättigung und Blutdruck werden sekündlich überwacht.
Phase 3: Die Ausleitung
Sobald der zahnärztliche Eingriff beendet ist, stoppt der Anästhesist die Zufuhr der Medikamente. Sie wachen meist innerhalb weniger Minuten auf. Für Sie fühlt es sich an, als wäre nur ein Augenblick vergangen – auch wenn die OP Stunden gedauert hat (Amnesie-Effekt).
Die 24-Stunden-Regel: Verhalten nach dem Eingriff
Auch wenn Sie sich im Aufwachraum schnell fit fühlen: Ihr Körper hat Schwerstarbeit geleistet und die Medikamente wirken nach. Zu Ihrer Sicherheit gelten für 24 Stunden strenge Regeln:
- Begleitpflicht: Sie dürfen die Praxis nicht allein verlassen. Organisieren Sie zwingend eine Abholperson, die Sie sicher nach Hause bringt und idealerweise auch zu Hause nach Ihnen sieht.
- Verkehrsverbot: Sie sind verkehrsuntüchtig. Das gilt für das Auto, aber auch für Fahrrad oder E-Scooter. Auch die aktive Teilnahme am Straßenverkehr als Fußgänger kann gefährlich sein.
- Keine Verträge: Sie gelten rechtlich für 24 Stunden als nicht geschäftsfähig. Unterschreiben Sie keine Verträge und treffen Sie keine wichtigen finanziellen Entscheidungen.
- Essen & Trinken: Verzichten Sie auf Alkohol. Essen Sie erst, wenn das Gefühl im Mund vollständig zurückgekehrt ist, um sich nicht zu beißen.
Für wen ist die Vollnarkose sinnvoll?
Die Vollnarkose ist eine Belastung für den Kreislauf und wird daher medizinisch abgewogen. Sie ist die Methode der Wahl bei:
- Diagnostizierter Odontophobie (krankhafte Zahnarztangst).
- Extremem Würgereiz, der eine Behandlung im Wachzustand unmöglich macht.
- Komplexen chirurgischen Eingriffen (z.B. Entfernung aller vier Weisheitszähne gleichzeitig oder große Implantat-OPs).
- Körperlichen oder geistigen Behinderungen, bei denen die Kooperation im Wachzustand eingeschränkt ist.
Ein Wort zu den Kosten: Bei medizinischer Notwendigkeit (z.B. attestierte Phobie, Kinder unter 12 Jahren, Behinderung) übernehmen gesetzliche Kassen oft die Kosten. Erfolgt die Narkose als reiner „Komfortwunsch“, ist sie meist eine private Zusatzleistung.
Haben Sie Angst vor der Behandlung? Sprechen Sie uns offen an. Gemeinsam mit unserem Anästhesie-Team finden wir den Weg, der für Sie sicher und stressfrei ist.