In der Medizin gilt ein einfacher Grundsatz: Man kann nur das behandeln, was man sieht. Jahrzehntelang war das klassische zweidimensionale Röntgenbild der Goldstandard. Doch der menschliche Kiefer ist nicht flach wie ein Blatt Papier – er ist ein komplexes, dreidimensionales Gebilde voller nervlicher Autobahnen, feiner Knochenstrukturen und verborgener Hohlräume.
Mit der Digitalen Volumentomografie (DVT), international oft als Cone Beam CT bezeichnet, haben wir die Möglichkeit, diesen Raum exakt abzubilden. Für Sie als Patient bedeutet das: Diagnostik ohne „Raten“, maximale Sicherheit bei Eingriffen und eine deutlich geringere Strahlenbelastung im Vergleich zur herkömmlichen Computertomografie (CT).
Warum ein normales Röntgenbild manchmal nicht reicht
Stellen Sie sich vor, Sie schauen von vorne auf einen Wald. Sie sehen die Bäume in der ersten Reihe, aber was dahinter liegt, wird verdeckt. Ähnlich ist es beim 2D-Röntgen: Strukturen überlagern sich. Eine Entzündung hinter einer Zahnwurzel oder die exakte Lage eines Nervs im Kieferknochen bleiben oft im Verborgenen.
Ein DVT-Gerät erstellt hingegen einen digitalen Zwilling Ihres Kiefers. Wir können diesen am Computer drehen, wenden und virtuell in Scheiben schneiden, um jede anatomische Besonderheit zu analysieren, bevor wir überhaupt ein Instrument in die Hand nehmen.
Die drei Hauptvorteile der 3D-Diagnostik
1. Navigierte Sicherheit bei Implantaten
Das Einsetzen eines Implantats ist Maßarbeit im Millimeterbereich. Früher musste der Chirurg die Knochensituation oft erst während der Operation beurteilen („auf Sicht fahren“). Heute nutzen wir das DVT für das sogenannte Backward Planning:
- Wir messen das Knochenangebot (Höhe, Breite, Qualität) exakt aus.
- Wir lokalisieren sensible Strukturen wie den Unterkiefernerv oder die Kieferhöhle.
- Das Ergebnis: Wir können die ideale Implantatposition am Computer vorausplanen und oft sogar Bohrschablonen drucken, die das Implantat exakt an die geplante Stelle führen. Das Risiko von Nervenschädigungen wird minimiert, der Eingriff wird minimalinvasiver und oft schneller.
2. Wurzelbehandlungen: Das Unsichtbare finden
Wenn ein Zahn trotz Wurzelbehandlung schmerzt, liegt das oft an winzigen, versteckten Seitenkanälen, die im normalen Röntgenbild nicht sichtbar waren. Ein DVT macht das komplexe Wurzelkanalsystem sichtbar. Wir erkennen genau, wie viele Kanäle ein Zahn hat und wie gekrümmt diese verlaufen. Das erhöht die Erfolgsquote für den Erhalt des Zahnes drastisch.
3. Chirurgie (Weisheitszähne & Co.)
Vor der Entfernung verlagerter Weisheitszähne müssen wir wissen: Umschlingt die Wurzel den Nerv? Liegt der Zahn nah an der Kieferhöhle? Mit 3D-Bildern können wir den operativen Zugang so wählen, dass diese Strukturen maximal geschont werden.
Thema Strahlenbelastung: Ein fairer Vergleich
Viele Patienten schrecken beim Wort „Tomografie“ zurück, weil sie an die hohe Strahlenbelastung eines klassischen medizinischen CTs (wie im Krankenhaus bei Kopfverletzungen üblich) denken. Hier können wir Entwarnung geben: Ein DVT ist speziell für den Kopf-Hals-Bereich entwickelt worden.
- Technologie: Statt den Körper schichtweise abzutasten, nutzt das DVT ein kegelförmiges Strahlenbündel („Cone Beam“), das den Bereich in einem einzigen Umlauf erfasst.
- Dosis: Die Strahlenbelastung ist dadurch – je nach Gerät und Einstellung – bis zu 80 % geringer als bei einem herkömmlichen CT.
- ALADA-Prinzip: Wir röntgen dennoch nie ohne Grund, sondern immer nach dem Prinzip „As Low As Diagnostically Acceptable“ – so wenig wie möglich, so viel wie für eine sichere Diagnose nötig.
Komfort statt Röhre
Ein weiterer Vorteil für Patienten mit Platzangst: Ein DVT-Gerät ist offen. Sie müssen nicht in eine enge Röhre fahren. Die Aufnahme erfolgt meist im Stehen oder Sitzen, das Gerät dreht sich einmal kurz um Ihren Kopf, und nach 10 bis 20 Sekunden ist der Spuk vorbei.
Fazit: Die 3D-Diagnostik ist kein Luxus, sondern in vielen komplexen Fällen heute der Standard für verantwortungsvolle Medizin. Sie verwandelt Vermutungen in Wissen – und das ist die beste Basis für Ihre Gesundheit.